Stille Nacht und Tirol

Franz Xaver Gruber Ölgemälde von Sebastian Stief, um 1845

Stille Nacht und Tirol (siehe auch CD- Edtition 2008)
Das Weihnachtslied Stille Nacht gehört zum unverzichtbaren Kulturschatz der Welt. Der Text stammt von Josef Mohr (1792-1848), die Melodie von Franz Xaver Gruber (1767-1863). Die Schöpfer des nunmehr unvergänglichen Liedes konnten wohl nicht ahnen, dass ihr eigentlich aus einer Notlage heraus entstandenes gemeinsames Werk dereinst diese grenzenlose Popularität erlangen würde.

Ein bescheidenes Lied anstelle der festlichen Weihnachtsmesse
Da die Orgel in der Oberndorfer Pfarrkirche um die Weihnachtszeit des Jahres 1818 defekt wurde, musste die übliche festliche Musik mit größerer Besetzung entfallen. Der Hilfspriester Josef Mohr hatte darum den mit ihm befreundeten Organisten und Schullehrer Franz Xaver Gruber einen sechsstrophigen Liedtext mit der Bitte übergeben, er möge dazu eine passende Musik für Tenor, Bass, gemischten Chor und Gitarrebegleitung verfassen. Die Gitarre musste gewissermaßen die schadhafte Orgel ersetzen. Nachdem das neue Lied bei der Weihnachtsmette in der Oberndorfer Pfarrkirche in wahrhaft authentischer Interpretation erstmals erklungen war - Josef Mohr sang Tenor und begleitete mit der Gitarre, Franz Xaver Gruber sang Bass, und der Chor wiederholte nach jeder Strophe die Schlusszeile - war die Aufnahme in der Pfarrgemeinde offenbar nicht von nachhaltiger Wirkung.

Eine schadhafte Orgel war die Ursache des Entstehens von Stille Nacht, aber auch von seiner internationalen Verbreitung
Der aus Kapfing bei Fügen im Zillertal stammende Orgelbauer Karl Mauracher (1789-1844) wurde eingeladen, das nicht mehr spielbare Werk in Oberndorf zu begutachten. Er kam im Lauf des Jahres 1818 seinem Auftrag nach und stellte fest, dass eine Reparatur zu aufwendig und ein Neubau sinnvoll wäre. Wohl im Verlauf dieser Arbeiten in den Jahren 1824/25 muss Mauracher auf Stille Nacht aufmerksam geworden sein. Jedenfalls hat er mit sicherem Instinkt die außergewöhnliche Qualität dieses Liedes erkannt und es mit in das Zillertal gebracht, wo es offenkundig bald ungemein beliebt wurde.

Geburtshaus der Nationalsänger Geschwister Strasser in Laimach/Zillertal

Zillertaler Sänger trugen das Lied in Welt
Die Zillertaler sind ein bekannt geschäftstüchtiger Menschenschlag. Vor allem im Verlauf des 19. Jahrhunderts zogen viele Familien als Warenhändler durch die Lande und kamen bis in entfernte Gegenden. Eine davon war die Familie Strasser aus Laimach im Zillertal. Vater Lorenz Strasser betrieb neben einer Landwirtschaft den Handel mit Handschuhen und zog zu diesem Zweck auf Märkte der näheren und weiteren Umgebung. Auf den Fahrten begleiteten ihn seine Kinder Anna, Amalie, Caroline, Josef und Alexander, der allerdings schon 1831 in Königsberg verstarb. In hübsche Tracht gekleidet, sangen sie vor ihrer Verkaufsbude Tiroler Lieder. Dies lockte die Leute an. So war es wohl auch, als die Strasser Familie zum Weihnachtsmarkt nach Leipzig gekommen war und ihren Verkaufsstand im Durchgang vom Barfußgäßchen zum Salzgäßchen aufgestellt hatte. Eines ihrer dargebotenen Lieder erweckte besonderes Erstaunen: Stille Nacht.

Nationalsänger Geschwister Strasser

Stille Nacht macht vorerst in Leipzig Furore
Unter den vielen Zuhörern, die sich um die Zillertaler Sänger drängten, war auch Franz Alscher, Organist und Kantor der katholischen Gemeinde in Leipzig. Tief bewegt vom Vortrag der schlichten Weise, bat er die Geschwister Strasser, sie möchten doch dieses Lied bei der Weihnachtsmette singen. So erklang Stille Nacht in der königlich-sächsischen Hofkapelle der Pleißenburg, wo die katholischen Gottesdienste stattfanden, in seiner ursprünglichen Intention erstmals in Deutschland. Die Strasser-Kinder und ihr neues Lied waren zum Gesprächsthema in der Stadt geworden. Vor ihrer Abreise traten die Sänger noch am 19. Jänner 1832 im Leipziger Gewandhaus in den Pausen eines Konzerts auf. Die Allgemeine Musikalische Zeitung Leipzig berichtet in der Nummer 5 des Jahrgangs 1832, man hätte in der Pause die Sänger so lange gebeten, bis sie der vollen Versammlung die Freude gewährten, einige Tiroler Nationallieder ... so allerliebst vorzutragen, daß der Saal vom stürmischen Beifall widerhallte. Wahrscheinlich war auch das vom Publikum ersehnte Stille Nacht auf dem Programm der improvisierten Vorstellung gewesen. Als die Strassser im Dezember desselben Jahres wieder nach Leipzig kamen, waren ihre Auftritte noch unvergessen, und voll Zuversicht konnten sie für den 15. Dezember im Leipziger Tageblatt ein Konzert von mehreren National- und Alpenliedern unterstützt von mehreren ausgezeichneten Künstlern und Künstlerinnen ankündigen, das im Saal des Hotels de Pologne auch stattfand. Am Tag des Konzerts erschien in der zweiten Beilage des Leipziger Tageblatts die Bitte eines Ungenannten: Möchten doch die Geschwister Straßer durch die Nähe des Weihnachtsfestes sich bewogen finden, in dem bevorstehenden Konzerte das schöne Weihnachtslied "Stille Nacht, heilige Nacht" zum Besten zu geben. Sie würden sich dadurch viele Freunde ihres herzerhebenden Gesanges dankbar verpflichten. Dass die Zillertaler Sänger diesen Wunsch nicht unerfüllt ließen und das durch ihre Auftritte allseits beliebte Lied zur neuerlichen Freude der Zuhörer darboten, davon berichtet die Rezension des Konzerts vom 17. Dezember im Leipziger Tageblatt ... Auch hatten die Sänger dem in diesem Blatte ausgesprochenen Wunsche, das schöne Weihnachtslied "Stille Nacht" vorzutragen, freundlich entsprochen.

In Dresden erscheint die erste Druckausgabe von Stille Nacht
Unter den vielen Zuhörern des Konzerts war der Verleger A. R. Friese aus Dresden. Er ließ, vom Erfolg der Strasser beeindruckt, vier ihrer Lieder aufzeichnen, darunter auch Stille Nacht. Die kleine Sammlung erschien, vermutlich 1833, vorerst für vier Singstimmen (Verlagsnummer 81) und später für Singstimme und Klavier oder Gitarre (Verlagsnummer 118) mit dem Titel: Vier ächte Tyroler Lieder.

Stille Nacht galt allgemein als Liedschöpfung aus Tirol
Auf diesen Erstdruck von Stille Nacht folgten bald weitere Veröffentlichungen, z.B. in: G. W. Fink, Musikalischer Hausschatz der Deutschen, Leipzig 1843, in: August Haertel, Deutsches Liederlexikon, Leipzig 1865, und im Musikalischen Kinderfreund, 1. Jahrgang, 1. Heft, Meißen: Klinkicht o.J. Allgemein galt Stille Nacht als Tiroler Volkslied oder Volkslied aus dem Zillerthale; die eigentlichen Schöpfer des nunmehr unvergänglichen Liedes waren unbekannt geworden. Die Strasser hatten die Melodie der komponierten Fassung ihrem Geschmack entsprechend umgeformt und so zu einem Volkslied gemacht. Erst in dieser zurechtgesungenen Form, die heute allgemein üblich ist, hat das Lied jene außergewöhnliche Verbreitung gefunden. So scheint die Bezeichnung Tiroler Volkslied für Stille Nacht, wie sie im 19. Jahrhundert nahezu in allen Liedsammlungen anzutreffen ist, gar nicht so abwegig, wie wohl die Autorschaft von Mohr und Gruber natürlich unbestreitbar bleibt.
Aufgrund ihrer Erfolge in Leipzig, widmeten sich die Strasser fortan ausschließlich dem Gesang und zogen als reisende Sängergruppe, von ihren Verehrern liebevoll Lerchen vom Zillertal, genannt, 1835 durch Deutschland. Stationen ihrer Konzerte waren u.a. Dresden, Berlin und Königsberg. In Berlin traten sie erfolgreich im Etablissement Kroll auf, jener populären Opernbühne, die den Reichtagsbrand 1933 zum Opfer fiel. Dort hörten auch Mitglieder des Berliner Domchors das ergreifende Lied von der Stillen, Heiligen Nacht und übernahmen es in ihr Repertoire. Alljährlich ließ sich der kunstsinnige König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen sein Lieblingslied während der Weihnachtsmette vom Domchor vorsingen. Nach der Auflösung der Strasser Gesangsgruppe 1835, bedingt durch den Tod der Amalie Strasser, war die allgemeine Bekanntheit des Liedes schon gesichert. In Druckausgaben greifbar und von Sängern unermüdlich weitergegeben, trat es seinen unvergleichlichen Siegeszug durch ganz Deutschland an, im evangelischen Norden genauso wie im katholischen Süden.

Stille Nacht 1839 erstmals in New York
In Fügen hatte sich 1839 eine neue Sängergruppe zusammengeschlossen. Der erst achzehnjährige Ludwig Rainer gründete das Rainer-Quartett. Noch im Gründungsjahr wagte die neuformierte Gesangstruppe eine Reise nach Amerika. Am Weihnachtsabend 1839 erklang so Stille Nacht zum ersten Mal öffentlich in der Neuen Welt. Die Rainer sangen unter freiem Himmel vor dem Hamilton-Denkmal in New York, weil die ürsprünglich für ihre Darbietungen vorgesehene Trinity-Church, zwischen Broadway und Wallstreet gelegen, durch einen Brand zerstört war. Weitere Reisen folgten u.a. nach New Orleans, St. Louis, Pittsburg und Philadelphia. Im Mai 1843 machten sie sich auf den Heimweg. Ermutigt durch die Erfolge in Amerika, stellte Ludwig Rainer 1851 die Rainer-Gesellschaft zusammen, der zunächst fünf, später bis zu fünfzehn Sänger und Musikanten angehörten. Ihre Reisen führten nach England, wo sie vor Königin Viktoria sangen, dann weiter nach Schottland und Irland. In den folgenden Jahren konzertierten die Rainer in Italien, Frankreich, wo sie Napoleon III. im Tuilerien-Palast empfing, in Dänemark, Schweden und Norwegen. 1858 kamen sie endlich nach Rußland und blieben dort zehn Jahre, lediglich unterbrochen von fünf kurzen Heimataufenthalten, um neue Mitglieder anzuwerben. Im Sommer sangen und musizierten sie in Petersburg, im Winter in Moskau. 1868 kam Ludwig Rainer mit seiner Gruppe nach Österreich zurück, trat ein halbes Jahr in Wien auf und reiste dann nach Ungarn, Siebenbürgen, in die Walachei und in die Türkei. Des Wanderlebens müde eröffnete er 1870 am Achensee das Hotel Seehof, das ihm nun Heimat war. Kurze Gastspielreisen wurden noch bis 1884 unternommen, z.B. 1883 nach Bern. Auf der Fahrt zu einer Hochzeit nach München starb Ludwig Rainer am 15. Mai 1893 in Kreuth. Wenige Tage später wurde er in Achenkirch würdevoll bestattet.
Auf all ihren weiten Reisen haben die Rainer Stille Nacht verbreitet und so wesentlich dazu beigetragen, dass dieses innige Lied uns allen heute geschenkt ist.

Nationalsängergesellschaft Ludwig Rainer, nach 1870, ganz links Ludwig Rainer